Historisch mit Hickory
Im Jahr 2000 gründeten einige Amerikaner in den USA die «Society of Hickory Golfers» und 12 Jahre später, am 1. August 2012, ein paar Schweizer Golfer nach ihrer ersten Hickory Golfrunde auf dem Old Course in St Andrews den ersten Hickory Golf Club der Schweiz. 2017 wuchs daraus der nationale Verband SWISS HICKORY GOLF, welcher sich um die Pflege und Weiterentwicklung dieser in der Schweiz jungen Bewegung kümmert.
«Wie etwa bei einem Oldtimer-Rennen geht es bei uns nicht darum, schnell von A nach B zu kommen. Wir wollen vor allem gemeinsam eine gute Zeit erleben unter ähnlich gemütlichen Leuten», erläutert der Gründungspräsident des Verbandes Maurus Lauber den Unterschied zum «Golf als Leistungssport», den er selber jahrelang intensiv betrieben hat.
Statt Nummern haben die historischen Schläger Namen wie Spoon, Brassie, Mashie oder Niblick. John W. Fischer war 1936 der letzte Gewinner eines grossen Turnieres mit Holzschlägern aus Hickory Holz. Danach übernahmen bei den Profis Stahlschäfte den Markt und etwas später folgte Grafite für die Amateure. Als Golfbälle dienten früher «Guttys», die aus kautschukähnlichem Guttapercha hergestellt wurden. Heute sind es möglichst weiche Bälle. Je härter der Golfball, desto stärker spürt der Spieler bei Hickory-Schlägern das Feedback. Beim Hickory-Golf kommt es in erster Linie auf das Feingefühl an. Deshalb greifen viele Profi-Golfer bei ihren Trainings gerne einmal zu den traditionellen Hickory-Schlägern, da diese schwieriger zu spielen sind. Die alten Schlägermodelle verzeihen keine Fehler. So muss der «Sweet Spot», der Punkt des Schlägerblattes, bei dem die maximale Kraftübertragung auf den Golfball erfolgt, exakt getroffen werden. Zudem erfordert das zähe, harte und schwere Hickory-Holz ein sanfteres, runderes Schwingen. «Man muss weniger schlagen und mehr schwingen», fasst Lauber zusammen. Er selber schwingt die historischen Hölzer der amerikanischen Stil-Ikone Walter Hagen. «Das macht mich natürlich stolz, und im Gegensatz zu einem modernen Set nehmen die alten Schläger tendenziell an Wert zu», freut sich der Touristiker.
Mehr Zeit, mehr Genuss
«Bei unserem Turnieren trifft man deutlich mehr Leute vor der Runde beim Apéro als beim Aufwärmen. Wir bleiben nach dem Turnier gern in unseren historischen Kleidern sitzen, während viele andere sich kaum mehr Zeit nehmen für einen gemeinsamen Drink nach dem mehrstündigen Lauf über den Golfplatz», fasst Lauber einige weitere Unterschiede zusammen.
Typisch Hickory ist auch der «Nipp», ein Whisky-Shot zum Start der Runde. Damit «begrüssten» die Schotten den Platz und die Mitspieler. «Enjoy the walk», heisst das Motto der Hickory Golfer. Selbstverständlich sind moderne Hilfsmittel wie Elektro-Carts oder Lasergeräte für die Distanzmessung verpönt, ja sogar offiziell verboten. Hickory-Golfer tragen ihre historischen Spielgeräte selber, meist in recht schweren Ledertaschen. Dafür reicht ihnen meist die Hälfte der sonst üblichen 14 Schläger. «So erlebt man die Golfrunde auch deutlich entspannter», sagt Lauber trotz Problemen mit der rechten Hüfte. Seine Ärztin hat ihm nach der Operation verboten, weiterhin den Bag zu tragen. So ist er nun stolz und entspannt mit einem «historischen Golfwägeli» auf den Hickory-Runden unterwegs.
Geblieben ist für ihn die Qual der Wahl der passenden Kleider. «Frauen haben es hier viel einfacher: Ein langer Rock, ein schöner Hut und eine falsche Perlenkette reichen schon locker für das Spiel», sagt Lauber, der mittlerweile selber einen ganzen Schrank voller spezieller Hickory-Kleider besitzt. Da müsse er immer schauen, ob das karierte Hemd zur gestreiften Fliege, den Hosenträgern, den Knickerbocker-Hosen und den Kniesocken passt oder nicht, sagt er lachend. «Als moderner Golfer reichen Poloshirt und Hosen, als Hickory-Golfer putze ich mich heraus und freue mich, wenn es die anderen ebenfalls tun», erläutert der Zürcher mit einem Vergleich zum Opernbesuch. «Wir spielen auch bei 30 Grad mit Hemd und Fliege», erzählt Lauber. «Da schwitzt man etwas mehr als mit modernen Kleidern, aber auch das gehört für uns dazu.»
Schweizer «Weltmeister»
Bei der «World Hickory Open 2013» errang der frühere Schweizer Profi auf der European Tour Paolo Quirici (ehemaliger Sportdirektor von Swiss Golf) den inoffiziellen Weltmeistertitel. Das erste Turnier fand 2005 auf dem Old Golf Course in Musselburgh, Schottland, dem ältesten Golfplatz der Welt, statt. «Ich veranstaltete das erste Turnier – 36 Leute spielten mit und ich musste 36 Schlägersätze verteilen. Aber es hat allen so viel Spass gemacht, dass ich sagte, ich würde es fortsetzen», erzählte der englische Sammler Lionel Freedman, langjähriger Direktor der World Hickory Open, auf CNN.
Bei der World Hickory Open Champions 2023 in Schottland verpasste der Schweizer Roberto Francioni den Sieg bei den Profis übrigens nur um einen Schlag. Die Schweiz war im 110-köpfigen Feld stark vertreten. Nicht weniger als 42 Schweizer Hickory-Golfer starteten in diversen Kategorien am dreitägigen Event.